Tobi: „Raus aus dem Teufelskreis! Ich habe wieder Energie jeden Morgen aufzustehen und mit Freude zur Arbeit zu gehen“

Tobi, 30 Jahre, Auszubildender zum Technischen Produktdesigner

Ich bin mittlerweile 30 Jahre alt und habe über viele Jahre studiert – ohne letztlich einen Abschluss in der Hand zu haben. Ich habe zunächst an der Technischen Universität Braunschweig mit Maschinenbau auf Diplom angefangen und bin dann zum Maschinenbau auf Bachelor gewechselt, mit der Hoffnung, schnell einen Abschluss zu bekommen. Das ist schon viele Jahre her. Im Wintersemester 2016/17 wurde ich in einem Fach aufgrund des endgültigen Nichtbestehens exmatrikuliert. Ab diesem Zeitpunkt war ich mir schon sicher, dass es so nicht mehr weitergeht und ich einen Neuanfang brauche. Ich habe mich in allen Richtungen umgesehen, habe es aber im Endeffekt nicht geschafft, den letzten Schritt zu machen. Aus diesem Grund habe ich mich zunächst provisorisch für ein anderes Fach immatrikuliert und mich gleichzeitig an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften beworben, damit ich dort Maschinenbau auf Bachelor weiterstudieren kann.

Diese sechs Monate, in denen ich gewartet habe, bis das Wintersemester an der Ostfalia angefangen hat, habe ich dazu genutzt, um eine passende Ausbildung oder auch eine andere Perspektive für mich zu finden. Diesen Ausweg habe ich jedoch nie gewagt. Das erste Semester an der Ostfalia hatte für mich angefangen. Da ich über 120 ECTS bereits an der TU Braunschweig erfolgreich erworben hatte, sollte ich die Vorlesungen aus den höheren Semestern anhören. Somit besuchte ich die regulären Vorlesungen aus dem 4. Semester. In dem Kreis der Studierenden habe ich mich nicht wohl gefühlt und konnte den Anschluss an die Cliquen und Lerngruppen nicht finden. Ich fühlte mich dort fremd und nicht gut aufgehoben. Mein Wunsch zur Veränderung wurde immer größer, aber den Mut dazu hatte ich noch nicht. Ich bin brav zu den Vorlesungen gegangen, habe mich für die Prüfungen angemeldet und habe diese auch geschrieben Jedoch meist ohne Erfolg. Eines Tages bat mich meine Tante, einen Termin mit dem Projekt „Wegbereiter“ wahrzunehmen. Ich hatte keine Ahnung, was die machen, wer die sind und was ich da überhaupt soll.

In Begleitung meiner Tante bin ich bei den „Wegbereitern“ herzlich empfangen worden. Ich habe meine Lebensgeschichte erzählt und durch gezielte Fragen wurde ich zum Nachdenken angeregt. Der erste Termin hat ca. zwei Stunden gedauert. Wir sind so verblieben, dass wir uns bald wieder treffen und über meine Situation weiterhin reden. Nach einigen Treffen und „Hausaufgaben“ habe ich den Entschluss gefasst, dass ich nicht mehr studieren möchte und lieber eine berufspraktische Ausbildung absolviere. Das Problem war, dass meine Familie zu dem Zeitpunkt nichts davon wusste und die einzige, die eingeweiht war (meine Tante), eigentlich gegen diese Entscheidung war. Ich wollte jedoch unbedingt diesen Schritt zu einem Neuanfang wagen. Ich wollte unbedingt entweder etwas in Richtung „Design/Technisches Zeichen“ machen oder zur Polizei gehen.

Im Projektkontext „Wegbereiter“ wurde mir empfohlen an einem „Berufsprofiling“-Test teilzunehmen, der durch den Rotary Club Braunschweig-Hanse Ratsuchenden zur Verfügung gestellt wird, um herauszufinden, wo meine Stärken, Interessen und Eignungen verortet sind. Daran anschließend hatte ich die Möglichkeit, die Ergebnisse mit zwei berufserfahrenen Rotary-Mitgliedern zu besprechen und eine zusätzliche Bestätigung für meinen Veränderungswunsch zu erfahren. Der Test hatte ergeben, dass die Richtung, die ich gehe, eigentlich „die Richtige“ ist und ich im „technisch-mechanischen“ Bereich sehr gut aufgehoben sei. Die Testergebnisse, die Gespräche mit meiner Familie haben mir die letzten Impulse gegeben, den nächsten Schritt zu machen und („gefühlt“) neu zu beginnen.

Anfang 2018 habe ich mich entschlossen, Bewerbungen für die Ausbildung als „Technischer Produktdesigner“ zu versenden. Ich habe mir einige Arbeitgeber ausgesucht und mich beworben. Der Bewerbungsprozess wurde stets durch Projektmitglieder unterstützt. Meine Fragen und Anliegen wurden beantwortet, meine Bedenken und Ängste zum Thema „Selbstpräsentation“ gehört. Schnell bekam ich eine telefonische Einladung zu einem persönlichen Bewerbungsgespräch in Wolfsburg. Das Gespräch hat dann die Woche darauf stattgefunden, und drei Tage später habe ich durch ein weiteres Telefonat die Stelle zum „Technischen Produktdesigner“ erhalten. Seit einem Monat bin ich im Unternehmen und fühle mich sehr wohl und endlich wieder wertgeschätzt.

Während der Bewerbungszeit habe ich weiterhin an verschiedenen Informationsveranstaltungen teilgenommen, die im Netzwerk „Wegbereiter“ durch die Agentur für Arbeit Braunschweig-Goslar, durch Bildungsträger, Kammern und zentrale Studienberatungen durchgeführt wurden. Der „Tag der gemeinsamen, offenen Beratung“ im März 2018 im Berufsinformationszentrum (BiZ) Braunschweig war eine tolle Veranstaltung, da sich sämtliche Einrichtungen aus der Beratungs- und Bildungslandschaft aus Braunschweig für meine Zielgruppe „Studienabbrechende“ ausgiebig Zeit genommen hatten, gemeinsam Perspektiven „auf Augenhöhe“ zu schaffen.

Während meines Studiums habe ich zahlreiche Nebenjobs und Werkstudententätigkeiten wahrgenommen, um mein Leben zu finanzieren. Zeitweise habe ich nur den Status „Student“ gehabt, um sorgenfrei arbeiten zu können. Nun bin ich froh, diese Doppelbelastung nicht mehr zu erleben und wieder die Zeit und die Lust für andere Sachen zu haben, die ich vor dem Studium mit viel Begeisterung gemacht habe. Ich habe wieder Energie jeden Morgen aufzustehen und mit Freude zur Arbeit zu gehen. Auch wenn ich jetzt so alt bin, fühle ich mich trotzdem wohl, wieder zur Berufsschule zu gehen und Mitschüler zu haben, die teilweise erst 17 Jahre alt sind. Es ist toll, dass ich meine erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen in der Schülerschaft weitergeben kann und wieder „gefragt“ zu sein, wenn es um komplexe Problemlösungen geht. Auch die Praxis im Unternehmen fühlt sich sehr gut an. Mit einem anderen Azubi, der 25 Jahre alt ist, bilde ich ein gutes Tandem. Auch die Chancen einer Ausbildungszeitverkürzung sind gut. Ankommen ist aber zunächst mein vordergründiges Ziel!

Rückblickend war meine Studienzeit eine sehr schöne Zeit. Obwohl ich keinen Hochschulabschluss erlangt habe, war es auf jeden Fall keine weggeschmissene Zeit! Ich konnte mich in vielen Bereichen weiterentwickeln und meinen Horizont erweitern. Ich habe viele Jahre meine Schwierigkeiten im Studium verdrängt und – wie in einem Teufelskreis – Leistungen auf das nächste Semester geschoben und gehofft, dass es besser wird. Leider war ich nicht in der Lage eigenständig Hilfe zu suchen oder neue externe Impulse zuzulassen. Heutzutage will jeder das Beste für sich allein und schnell das Studium durchziehen. Wenn man aus dem Raster fällt, ist es schwer wieder aufzustehen und den Anschluss zu finden. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, immer wieder aufzustehen. Doch: Hätte meine Tante mich nicht auf das Projektnetzwerk „Wegbereiter“ aufmerksam gemacht, und hätte ich nicht letztlich all meinen Mut zur Veränderung zusammengenommen, wäre ich wohl kaum auf die Idee gekommen, sämtliche Einrichtungen zu besuchen, die mir sehr stark helfen konnten. Als Langzeitstudierender ist man meist auf sich allein gestellt, und nach jeder nicht bestandenen Prüfung verliert man die Lust weiter am Studierendenleben teilzunehmen und kapselt sich somit immer mehr ab. Letztlich kann ich zusammenfassen, dass es schön gewesen wäre, wenn ich bereits vor fünf Jahren diese externe Unterstützung bekommen und meinen aktuellen Weg eingeschlagen hätte.

An alle, die noch die Möglichkeit haben, solche Beratungslandschaften für Quereinsteiger oder Aussteiger („Studienabbrechende“), wie „Wegbereiter“ diese zusammengestellt hat, zu besuchen, nutzt es! Geht dort hin und redet offen über eure „Probleme“, anstatt diese auf das nächste Semester zu verschieben und in einem Teufelskreis zu enden. Denkt daran, dass es für einen Neuanfang nie zu spät ist. Man muss nur in der Lage sein und den Mut haben, Veränderungen zuzulassen. „Egal wann man einen Fisch angelt, der Fisch bleibt frisch“.

Bildnachweis: privat

 

 

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